Da bin ich doch neulich über diesen Artikel auf imgriff gestolpert, der jedem nahelegen will – zumindest, wenn er/sie erfolgreich werden/sein will – sich zum Frühaufsteher zu entwickeln. Inspiriert von diesem Artikel und angestachelt von meinem inneren Widerstand schreibe ich nun ein Plädoyer für Nachteulen.
Obwohl es – vom wissenschaftlichen Standpunkt her gesehen – als geklärt gilt, dass Menschen genetisch bedingt nach unterschiedlich getakteten inneren Uhren funktionieren, passt sich die Gesellschaft nicht den daraus entstehenden Gegebenheiten an, sondern die Menschen müssen sich nach wie vor den eingefahrenen Strukturen anpassen.
Die zeitlichen Anforderungen bzw. Vorgaben von außen sind es meiner Meinung nach, die unseren Lebensrhythmus und unsere Wach- und Schlafzeiten beeinflussen, prägen und diktieren. Wer einer nichtselbständigen Arbeit nachgeht, beginnt in aller Regel zwischen 8 und 9 Uhr morgens… wer selbständig ist und Angestellte hat, ist ebenfalls gut beraten zu dieser Zeit in der Firma aufzuschlagen. Wer die Schule besucht oder studiert, muss sich an die Beginnzeiten dort halten… und das ist normalerweise auch am frühen Morgen. Mütter, die nicht in einem Angestelltenverhältnis stehen, müssen sich trotzdem nach Kindergarten- und Schulzeiten richten. Wie es scheint ist fast alles – außer Schichtarbeit und manchen zarten Modellen der Gleitzeit – auf Beginnzeiten in den Morgenstunden ausgerichtet und das wird auch als normal angesehen.
Das Interview mit den erfolgreichen Managern, das auf imgriff zitiert wird, beweist meiner Meinung nach nichts…ausser vielleicht, dass diese Manager sich sehr gut an das gesellschaftliche Zeitdiktat angepasst haben. Anpassungsfähigkeit macht ja unbestreitbar erfolgreich.
Die Anleitung dazu ein Frühaufsteher zu werden bzw. die von Citrin abgeleiteten Prinzipien halte ich ebenfalls für Killefitz… zumindest was das vorgegebene zeitliche Korsett angeht. Ansonsten ist es natürlich eine wunderbare Anleitung zur Selbstorganisation und eine Anleitung den eigenen (Arbeits-)Tag planvoll und strukturiert anzugehen. Dabei ist es dann allerdings völlig egal ob ich das morgens um 5h oder mittags um 12h tue.
Ich stelle mir ernsthaft die Frage warum wir uns in unserer modernen, technisierten Welt immernoch an Tagesabläufe halten, die eigentlich aus einer vorindustriellen Zeit stammen… Tageszeiten, die für Bauern und vielleicht Mönche (es muss eine Form der Selbstkasteiung sein…grins) Sinn gemacht haben mögen, aber hier und jetzt eigentlich nicht mehr notwendig sind.
Die zweite Frage, die sich mir aufdrängt ist die nach der Wertung… warum scheinen die Nachteulen immer weniger wert zu sein als die Frühaufsteher? Warum ist es so erstrebenswert Frühaufsteher zu sein?
Seit ich denken kann hängt mir als Nachteule ein Makel an, weil ich morgens nur schwer aus dem Quark komme. Wenn ich bis mittags schlafe gelte ich als faul oder muss mich zumindest einem gewissen Spott aussetzen… so als wäre Phlegma mein zweiter Vorname. Dabei fragt keiner wie viele Stunden Schlaf ich hatte und es interessiert auch keinen, dass ich in der Nacht sehr effektiv, kreativ und vor allem unerhört ungestört gearbeitet habe.
Als Morgenmuffel oder Nachteule hat man kaum eine Chance dem Diktat zu entrinnen.
In Dänemark scheint man damit schon etwas weiter zu sein, wie ein Artikel in der Süddeutschen nahelegt. Dort gibt es eine Bewegung der sogenannten B-Menschen, die dafür eintreten Nachteulen aus dem Zeitdiktat zu befreien.
Ich finde es ist ein interessanter Ansatz die Gesellschaft zu desynchronisieren… jedem zu erlauben seinen eignen Rhythmus zu finden und zu leben… ohne Wertung. Die Aussichten könnten ziemlich rosig ausfallen, denn ich denke es würde zu einer Steigerung der Produktivität und der Kreativität führen, es wäre der Gesundheit und der Zufriedenheit zuträglich… und vielleicht würde es auch weniger Staus geben.
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