Rand Fishkins Whiteboard Friday Reihe auf seomoz ist fast immer sehenswert… nicht zuletzt weil der Junge es wirklich drauf hat nett und charmant rüber zu kommen. Wenn man dann noch Rands Reichweite mit in Betracht zieht, gehe ich davon aus, dass er praktisch jeden Interviewgast haben kann den er will. Diesmal war es Matt Cutts. Eingefangen hat er ihn auf der SMX West und vorgeführt wird er in Rands Hotelzimmer… was ich nicht gerade als typische Businessumgebung bezeichnen würde.
Wie auch immer – auch die Themen des Interviews sind nicht ausschließlich typische Businessthemen. So erzählt Matt zu Anfang recht ausführlich wie er zu Google gekommen ist, wie er in seine jetzige Position gekommen ist und warum er so viel auf Konferenzen zu finden ist. Interessant ist, dass er zugibt Kritik an Google sehr persönlich zu nehmen und sich sehr stark mit Google zu identifizieren. Er sagt von sich, dass er wirklich an die Mission von Google glaubt. Er sagt weiterhin, dass er nie das Gefühl hat fake sein zu müssen… er muss sich nie aus Marketinggesichtspunkten verstellen, sondern kann einfach er selbst sein. Das würde IMHO bedeuten, dass er sehr freie Hand hat.
Ein weiterer Themenkreis ist die Frage nach der algorithmischen oder humanoiden Spamsuche. Hier bestätigt Matt, dass in der Tat Menschen eingesetzt werden und auch wenn die Skalierbarkeit immer wieder in Frage gestellt wird, so kann seiner Aussage nach eine einzige Person sehr große Wirkung haben. Im Webspam Team werden Menschen in skalierbarer und robuster Art und Weise eingesetzt – was immer das genau heißen mag. Er räumt ein, dass das zum Teil nur solange passiert bis ein neuer Algo gebaut wurde.
In einer Randbemerkung erwähnt Matt, dass der Spamreport sehr gut funktioniert… oder sollte man sagen konvertiert?
Zum Ende hin nach Grey Hat bzw Black Hat Techniken befragt, die Google sicher erkennt, werden hidden text, keyword stuffing und java script redirects genannt, was ich nicht wirklich ergiebig finde. Das hört sich entweder nach Tiefstapelei oder nach Zeitknappheit an.
Wer des Englischen mächtig ist, der schaut sich das Interview am besten komplett an und vertraut hier nicht auf meine quick and dirty Zusammenfassung.
Letzte Woche veröffentlichte Matt Cutts auf seinem Blog das ultimative Beispiel warum bezahlte Links böse sind. Denn wer einen Gehirntumor hat und nach vertrauenswürdigen Informationen im Internet sucht, der hat schließlich ein Recht vor künstlich rankenden Informationen verschont zu bleiben.
Zitat: “If you put your user hat back on, I hope you’ll agree that you wouldn’t want a serious medical search for brain tumor treatments to be affected by inaccurate or uninformed posts. In fact, if you stumbled across these entries on the web, you might not know whether someone got paid for writing these posts. In the same way that a regular surfer would want disclosure to know if a post were paid, all the major search engines also want to make sure that paid posts are adequately disclosed to search engines as well. Google’s documentation for webmasters gives examples of how to do that. I believe the vast majority of our users don’t want our organic search results for something as serious as brain tumors to be affected by links in paid posts.”
Meine (wie immer) quick & dirty Übersetzung lautet folgendemaßen:
“Wenn du den User-Hut wieder aufsetzt, hoffe ich, dass du zustimmst, dass es bei der ernsthaften Suche nach Behandlungsmöglichkeiten für Gehirntumore unerwünscht ist, von unrichtigen oder uninformierten Posts beeinflusst zu werden. Wenn du über solche Beiträge im Web stolperst, wirst du vermutlich tatsächlich nicht wissen, ob jemand für diesen Post bezahlt wurde. In der selben Art wie ein normaler Surfer möchte, dass es offengelegt ist, ob für einen Post bezahlt wurde, wollen alle wichtigen Suchmaschinen sicherstellen, dass ihnen gegenüber ebenfalls eine adäquate Offenlegung gegeben ist. Googles Dokumentation für Webmaster gibt Beispiele wie das getan werden kann. Ich glaube die überwätigende Mehrheit der User möchten nicht, dass unsere organischen Suchergebnisse für etwas so Ernstes wie Gehirntumore von Links in bezahlten Posts beeinträchtigt werden.”
Oh Boy! Was für eine Tränendrüsennummer!
Ich halte die Aussage in einem hohen Maße für Augenwischerei. Natürlich wünscht sich jeder relevante Suchergebnisse mit vertrauenswürdigen Inhalten. Aber soll nun Google entscheiden was relevant, glaubhaft und vertrauenswürdig ist? Himmel hilf! Das klingt mir doch arg nach “Ministerium für Wahrheit”.
Und um wieder auf die bezahlten Inhalte zurückzukommen: was nutzt mir die hohe Autorität und Glaubhaftigkeit einer nicht kommerziell anmutenden, medizinisch-wissenschaftlich fokussierten Seite, wenn die zugrundeliegenden Forschungen von einem Pharmakonzern gesponsert wurden?
Und: Werden die gerufenen Autoritäten die Macht haben alternative Heilmethoden auf immer in die Unsichtbarkeit zu verbannen?
Aus meiner Sicht ist es schlicht unmöglich zu durchschauen wo man heutzutage unabhängige, unverfälschte und nicht von wirtschaftlichen Interessen beeinflusste Informationen überhaupt bekommt. Schon gar nicht ist es derzeit möglich dieses Problem mit einem Algorithmus zu lösen. Die wirtschaftlichen Verflechtungen, die weitgehend hinter den Webkulissen angesiedelt sind, bleiben doch im Dunkeln.
Die einzigen Mittel, die aus meiner Sicht (bzw. aus Usersicht) dagegen helfen sind Medienkompetenz, eine kritische Herangehensweise und Zugänglichkeit aller Quellen (die auch bitte verlinkt werden sollen).
Google hat seine Jagd auf gekaufte Inhalte und Links nicht nur eröffnet, es wird jetzt auch wild gedroht… wie man auf seoroundtable nachlesen kann:
“Potential penalties for link buyers and sellers: PR might be a penalty, but there’s more – removing the ability of links to pass value, but don’t show anything visibly; remove the ability of the links tp pass value and downgrade the visible PR in the toolbar; remove the ability of the links to pass value AND penalize the rankings of the sites/pages being linked to AND/OR the site(s) selling links; remove the ability of the links to pass value AND remove the offending site(s) from the index.”
Quick & dirty übersetzt bedeutet das:
“Potentielle Strafen für Linkkäufer und -verkäufer: PR kann eine Strafe sein, aber es gibt mehr – das Entfernen der Fähigkeit von Links Wert (linkjuice) weiter zu geben ohne dies sichtbar zu machen, das Entfernen der Fähigkeit von Links Wert (linkjuice) weiter zu geben und den Toolbar-Pagerank herabzusetzen, das Entfernen der Fähigkeit von Links Wert (linkjuice) weiter zu geben UND das Bestrafen der Rankings der verlinkten Seiten UND/ODER der Seite(n) die (die) Links verkaufen; das Entfernen der Fähigkeit von Links Wert (linkjuice) weiter zu geben UND das entfernen der (gegen die Richtlinien verstoßenden) Seite(n) aus dem Index.”
Tja…Google hat die Macht alle diejenigen nach eigenem Gutdünken zu bestrafen, die die Richtlinien nicht befolgen und arme Leute mit Gehirntumoren zum Opfer von bezahlten und damit nachweislich unglaubwürdigen Spamartikeln machen wollen.
Was die ganze Geschichte für mich vollends in die Fragwürdigkeit zieht ist die Tatsache, dass Google mit seinem no-follow-Krieg nur einen Bruchteil der Webmaster erreicht. Und wenn ich mich frage, wer die Richtlinien überhaupt befolgen wird, weil er sie gelesen hat, verstanden hat und die Folgen vermeiden will… dann kommen nach meiner Rechnung unterm Strich nur SEOs und ihre Verwandten raus.
Ist es das? Sind überhaupt nur SEOs das Ziel?
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